Aufstehen. Kämpfen.

By Peter Teuschel|Januar 30, 2014|Mobbing|11 comments

Eine meiner Patientinnen hat mir den Link zu dem Video unten geschickt. Die Stelle in dem Film, an dem die Handlung sich plötzlich umkehrt, hat sie als ihren “Dr. Teuschel-Moment” bezeichnet.
Gemeint ist der Moment, an dem sie einen neuen Blick auf ihre Mobbing-Geschichte bekommen hat. Mit einer wirklich kafkaesken Mischung aus feindseligen, gleichzeitig aber auch chaotisch-undisziplinierten Anfeindungen konfrontiert, hatte sie mehr und mehr an sich und ihrer Wahrnehmung der Realität gezweifelt. Bis zu den ersten Gesprächen bei mir und meiner Aussage, dass sie nicht verrückt sei, sondern Opfer in einer üblen Geschichte.

Ich erzähle das nicht, um mich hier selbst zu beweihräuchern. Andererseits will ich auch nicht in den Reflex verfallen, das mit einem “das hat ja nichts mit mir zu tun” von mir zu weisen.

Fakt ist, dass immer mehr Menschen zu mir kommen (und sie kommen von immer weiter her), um mir in einem einmaligen Termin ihre Geschichte zu erzählen und von mir zu hören, wie ich das alles einschätze. Ob sie wahnsinnig sind, sich alles nur einbilden oder ob das Mobbing sein könnte.

Anfangs dachte ich immer, ich müsste die Erwartungen dieser Menschen herunterschrauben. Schließlich könnte ich nichts für sie tun, ihnen nicht aus der Patsche helfen, ihre Geschichte nicht beeinflussen.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass es sehr sehr wichtig sein kann, sich die oft üblen Berichte über die diversen Schikanen in Ruhe anzuhören und dann eine Bewertung abzugeben.

Jetzt habe ich auch begriffen, dass der “Dr. Teuschel- Moment” nur deswegen so heißt, weil es nach wie vor viel zu wenige Ärzte gibt, die für diese offensichtlich sehr wichtigen Fragen zur Verfügung stehen. Genau genommen hat es nämlich wirklich nichts mit Dr. Teuschel persönlich zu tun.

Es sind zwei Aspekte, die in dieser Angelegenheit eine Rolle spielen:

– die Informiertheit, sprich die fachliche/ sachliche Professionalität des Arztes

– die Bereitschaft, klare Aussagen zu treffen und Unterstützung in einer verworrenen Situation zu bieten.

Meiner Einschätzung nach bringen sehr viele Kollegen die zweite Eigenschaft mit. Sie sind gerne bereit, ihren Patienten beizustehen und ihnen sowohl menschliche Anteilnahme wie auch praktische Unterstützung zu bieten.

Bei der ersten Eigenschaft – Professionalität beim Thema Mobbing – hapert es aber ganz gehörig. Nach wie vor, denn diese Tatsache war einer der Gründe, warum ich vor fünf Jahren das erste Mobbing-Buch geschrieben habe. Natürlich ist mir klar, dass so ein Buch jetzt nicht die Fachwelt revolutionieren und die Einstellung zum Thema Mobbing bei den Kollegen grundlegend ändern wird.

Aber ein wenig mehr an Aufklärungswirkung hatte ich mir doch erhofft.

Naja, schaut man sich die medizinischen Bücher zum Thema an, so gibt es halt einfach nur das Buch vom mittlerweile nicht mehr in der Praxis aktiven Kollegen Bämayr (dessen Thematik ich hier demnächst mal besprechen werde) und meine beiden.

Und solange es keinen “Mobbing-Arzt-Moment” gibt (denn darum ginge es ja eigentlich!), bleibt es eben der “Dr. Teuschel-Moment” für meine Leute (und der “Dr. Bämayr-Moment” für die Bämayr-Patienten, als er noch praktiziert hat).
Klar freue ich mich darüber – warum sollte ich das auch nicht tun.

Aber noch lieber wäre es mir, wenn mal jemand sagen könnte: Früher war es der Teuschel, zu dem man fahren musste, heute findest du in jeder Stadt einen, der sich damit auskennt.

Und zum Video:

Die meisten Mobbing-Opfer werden es wohl nicht so weit schaffen wie der Herr in dem Film. Aber Mut machen zum Stehenbleiben und sich wehren ist schon wichtig. Damit man erkennt, dass man eben nicht wahnsinnig ist.
Und das wunderbar doppeldeutige “this is what you get when you mess with us” ist schon eine ganz starke Sache.
(Witzigerweise ist mir aufgefallen, dass die Handlung letztlich ganz ähnlich wie bei meinem geliebten Psychobunny ist. Radiohead scheint das irgendwie in den Noten zu haben …)

Peter Teuschel

P.S. Ein Nachsatz muss noch sein. Mir ist sehr bewusst, dass für viele Mobbing-Opfer nach dem “Stehen bleiben. Kämpfen.” die wichtigste Handlung “sich in Sicherheit bringen” heißen wird. Wer da den richtigen Moment versäumt, der kommt bei echtem Mobbing in den meisten Fällen eben doch unter die Räder. Also: Mut ja, wehren ja, aber nicht auf verlorenem Posten kämpfen bis zum Umfallen!

Share this Post:

11 Comments

  1. Kein Weg ist zu weit, um zu Ihm nach München zu kommen. Man muss ihn nur gehen. Aufstehen und Kämpfen. Und auch wenn er meint, es habe nichts persönlich mit ihm zu tun, so sage ich: Es gibt keinen Arzt, auf der Welt, der so Menschlich ist, wie er.

    1. Ich darf mich vollinhaltlich anschließen!!

  2. So passiert in Wien:
    mit überweisung vom hausarzt gehe ich zum empfohlenen psychiater, der burnoutspezialist ist.

    diagnose: schwere depression, verschlechterung, beg. chronifizierung, dringende übernahme erbeten!

    (Das allerübelste ist, dass mein früherer beh. psychiater vor kurzem “zufällig” externer gutachter meines eh. dienstgebers wurde..
    somit ist er befangen, und kann mir keine befunde mehr schreiben, insbesondere durch meine schwere verschlechterung
    auch keine bestätigung, dass ich verhandlungsunfähig bin).

    also muss ich mir in meiner schlechtesten zeit einen neuen psychiater suchen, was eine mittlere katastrophe darstellt,
    weil ich weiß, wieee wenig psychiater es gibt, die mit mobbing “können”.

    ich bin in die ordi gefahren, mit meiner freundin, weil ich so schlecht beinander war.
    es war NIEMAND im wartezimmer (was mich für einen kassenpsychiater schon gewundert hat..).
    bin zur sprechstundenhilfe, habe mich vorgestellt, gesagt, dass ich einen neuen psychiater suche,
    dass es mir schlecht geht. sie meinte, vor märz gibt es keinen termin.

    dann sagte ich, dass ich wegen mobbing gerade gerichtliche schritte laufen habe, dass ich die verhandlung
    im dezember nicht einhalten konnte, weil es mir so schlecht ging, auch über weihnachten u jetzt im januar immer noch.
    dass ich nicht weiß, was ich tun soll, da ich einen aktuellen befund brauche, auch für das gericht.

    darauf fuhr mich die sprechstundenhilfe an: na, das macht der dr. sicher nicht, rückwirkend einen befund zu schreiben (!!).
    ich sagte ihr, ich brauche NICHTS RÜCKWIRKEND, sondern einen aktuellen befund, wie es JETZT ist, und dass ich schon seit
    4 wochen auf der suche nach einem arzt bin. sie sagte, ich kann zu jedem anderen wahlarzt gehen, davon gibts eh genug in wien.
    dass sie äußerst unfreundlich war, brauch ich wohl nicht zu erwähnen….
    ich sagte ihr, dass ich durch das mobbing in pension bin und mir den wahlarzt nicht mehr leisten kann, und nur 300 eur im monat über habe,
    sie meinte, das wird schon gehen bis märz, vorher gibts nichts (bei leerem wartezimmer…).

    da ich dann nicht mehr wusste, was ich noch tun soll, sagte ich ihr, dass ich nicht mehr zu meinem früheren psychiater gehen kann, wegen der gerichtsverhandlung,
    da dieser seit kurzem wegen einer neuen nebentätigkeit befangen ist meinem eh. dienstgeber gegenüber.
    darauf meinte sie, ein arztwechsel ist KEINE dringende indikation.
    sie kann mir heute sicher keinen termin geben, weil bei den erstterminen braucht man insges. 1 h, zuerst psychologin, dann zum arzt, und vor märz geht sicher nichts.

    dann konnte ich nicht mehr, alles ging über, ich musste heulen, packte meine tasche und ging.

    beim rausgehen ist mir dann aufgefallen, dass ich ja ganz vergessen hatte, die überweisung vorzulegen (das passiert mir
    immer wieder, dass ich was wichtiges vergesse in meinem zustand), dann bin ich vom stiegenhaus zurückrauf gegangen,
    und sah die sprechstundenhilfe gerade aus dem zimmer vom dr. X kommen.

    ich hab ihr gesagt, dass ich vergessen habe, die überweisung vorzulegen, und hab sie ihr gezeigt (mit “schwerer depression, verschlechterung,
    dringende übernahme erbeten!).
    daraufhin meinte sie, deswegen gehts auch nicht früher, und sie kann mir für märz einen termin geben.

    ich sagte, die überweisung ist – soweit ich weiß – nur 14 tage gültig, dann meinte sie, dann muss ich halt eine NEUE ÜBERWEISUNG bringen im März.

    ich war einfach über alles so verzweifelt, ob der reschen abweisenden art, dass der heulkrampf wieder losging.

    plötzlich ging die türe von der ordination auf, dr. X (den ich noch nie im leben gesehen hatte), schoss heraus,
    und herrschte mich echt in voll aggressivem ton an: “VERLASSEN SIE SOFORT MEINE ORDINATION!” und:
    “Rückwirkende Befunde schreib ich sowieso nicht (!!)”
    Ich war komplett geschockt und irritiert, weil ich NIE einen rückwirkenden befund verlangt hatte und sagte ihm in meinem Heulen:
    “Aber darum geht es ja nicht! Ich brauche einen Arzt.”
    Er kam richtig drohend auf mich zu (so als ob er mich rausdrängen wollte mit seinem Auf-mich-zukommen) und sagte nochmal in voll aggressiven Ton:
    “GEHEN SIE JETZT, SO EINEN AUFTRITT KÖNNEN WIR HIER NICHT BRAUCHEN!”
    Meine Freundin schnappte sich noch die Überweisung, die die Sprechstundenhilfe auf den Tisch zurückgelegt hat (ich hab an die gar nicht mehr gedacht,
    weil ich so perplex und schockiert über den rauswurf war), und dann gingen wir völlig paniert runter.

    meine freundin, die mit war, war völlig von den socken, und sagte mir, sie könne gar nicht fassen, was da jetzt abgelaufen ist…

    mich wundert es nicht, dass sich so viele mobbingopfer suizidieren… denn SOLCHE ärzte bringen einen echt ins grab.

    1. Die Erwähnung des Reizwortes “Mobbing” schreckt immer noch viele Kollegen ab.

      “Oje! Da kommt was auf mich zu (von dem ich keine Ahnung habe). Das hört sich nach Arbeit an und nach einer anstrengenden Patientin. Höchstwahrscheinlich eine Querulantin. Was glaubt die denn, hier einfach so aufzukreuzen. Und dann will sie mich auch noch zum Betrügen (rückdatieren) verleiten! Unverschämtheit! RAUS AUS MEINER ORDINATION!!!”

      Haben Sie Watzlawick gelesen (Anleitung zum Unglücklichsein)? Das ist genau der Mechanismus, den er beschreibt. Nur ich, mein Gehirn und ein paar Vorurteile, das reicht für eine fundierte Einschätzung der Situation.

      Ein Lehrstück, auch wenn Ihnen das nicht viel helfen wird …

    2. Es ist mehr als erschreckend. Vor allem auch, wie sich offenbar Psychiater von der eigenen Sprechstundenhilfe “manipulieren” lassen – dass sie sogar Pat. – ohne sie jemals gesehen zu haben – aggressivst der Ordination verweisen…

      Beim dem gibts offenbar keinen Teuschel-Effekt – und wahrscheinlich… wird er ihn auch nie mehr lernen. Wir haben SO viele Betroffene in der SHG, die negative Ärztekontakte melden… Hier sieht man, wie nicht nur firmenseits Mobbingopfer stigmatisiert und abgewertet werden, sondern auch ärztlicherseits – genauso wie gesellschaftlicherseits… im großen SYSTEM… Es ist kein Wunder, dass so viele Mobbingopfer sich lange nicht getrauen, sich zu outen und in die Gruppe zu kommen – denn die Angst, dass es ihnen WIEDERUM an einem Ort passiert, nochmals stigmatisiert und retraumatisiert zu werden, lässt viele sehr lange warten, Kontakt aufzunehmen.. Und DAS ist das zusätzliche Drama…..

      1. Könnte man denn kein EU Gesetz schaffen, das diese sogenannten oder wie Sie sich auch immer nennen, erst mal bei Dr. Teuschel oder bei
        Dr. Bämayer eine gewisse Lehrzeit absolvieren müssen ? Mit einer Prüfung versteht sich. Bevor man Sie auf Patienten los lässt ?
        Es wäre doch damit jedem geholfen. Nicht nur den Opfern, sondern auch diesen unwissenden Ärzten, die meinen damit einem auch noch Hilfe zu geben und etwas gutes zu tun. Falls Sie einen nicht vorher wieder raus schmeissen.

        1. Was für eine grenzgeniale Idee!!!!!!
          Keine Zulassung für PsychiaterInnen mehr,bevor Sie nicht Teuschel- od. Bämayr-lizensiert sind! Ich werd gleich eine Online-Petition starten!!!!
          HERRRRRLICH!! *träum*

          1. ich habe immer das Buch von Dr.Bämayr dabei 🙂

    3. solche Situationen habe ich in meiner langen Mobbinggeschichte seit 2006 auch immer mal wieder erleben müssen, die Krankenkasse war mitunter der Übeltäter und hat meine behandelnden Ärzte dazu angestiftet mich nicht zu behandeln.

  3. Sehr geehrter Herr Teuschel, ich habe von einen User folgende Kommentar erhalten:

    “Wer sich als Erwachsener “mobben” lässt, ist lebensuntüchtig. Punkt!”

    Es wäre toll, wenn sich Expertinnen und Experten an der Diskussion bei MH beteiligen und Aufklären würden: http://www.myheimat.de/bremen/kultur/statement-zum-thema-mobbing-von-frau-kristina-vogt-die-linke-in-bremen-d2684121.html

    Mit freundlichen Grüßen

    Klaus-Dieter May

  4. Die Diskussion wurde beendet und gelöscht.
    MfG
    Klaus-Dieter May

Kommentar verfassen